Andrew Carnegie und sein „Gospel of Wealth“

Gemälde und Büste von Andrew Carnegie im Museum des Friedenspalast

Der amerikanische Industrielle Andrew Carnegie finanzierte den Bau des Friedenspalastes aus seinem Privatvermögen. Warum, legt er in seinem Buch „The Gospel of Wealth“ dar. Es enthält  Abwägungen über eine Erbschaftssteuer und das altbekannte Thema Kapitalismus vs. Kommunismus. Eine Kritik.

Der Industrielle Andrew Carnegie bezahlte den Friedenspalast fast im Alleingang

Wer ist Andrew Carnegie?

Ein sehr prominenter Teil der Ausstellung des Besucherzentrums am Friedenspalast ist Andrew Carnegie (1835-1919), ein selbstgemachter Millionär aus den USA. Ich fand seinen Teil der Ausstellung mit dem Zitat „The man who dies thus rich, dies disgraced“ sehr interessant, und kaufte mir nach der Ausstellung seinen als Buch gebundenen Aufsatz „The Gospel of Wealth“ (1889), aus dem auch das Zitat stammt. Ich möchte im Anschluss gerne seinen Aufsatz zusammenfassen und diskutieren, in der Hoffnung, dass es ein paar andere Leute vielleicht genauso spannend finden wie ich. 

Was schreibt Carnegie?

Carnegie beginnt damit, die Klassenbeziehungen und den Wohlstand von vor ca. 100 Jahren mit denen aus seiner aktuellen Lebzeit zu vergleichen. Damals, im Jahr der Französischen Revolution und dem Jahr der Wahl von Georg Washington zum ersten US-Präsidenten, habe es rein faktisch Menschen mit höherer und niedrigerer Stellung gegeben, wie den Lehrmeister und sein Lehrling, den Grundbesitzer und Bauern etc., jedoch hätten diese nicht allzu stark voneinander abweichende Lebensumstände gehabt. Beispielsweise wohnte und lernte der Lehrling im selben Haus wie sein Meister, und übernahm später sogar dessen Geschäft, wodurch zwar offiziell eine Hierarchie zwischen den beiden bestand, aber beide lebten in den gleichen, sehr ärmlichen materiellen Bedingungen. 

Geringe materielle Unterschiede zwischen den Menschen?

Die Unterschiede zwischen den Menschen, was die Stellung betraf, wären also damals, in den 1780ern, größtenteils gering gewesen (zumindest im Vergleich zum Jahr 1889, in dem Carnegies Aufsatz erschien). Genauso gering wären jedoch auch die Unterschiede in der Lebensführung gewesen, die selten von Luxus geprägt und hauptsächlich prekär gestaltet waren. 

Klassengesellschaft

Zu Carnegies Lebzeiten wären die Unterschiede zwischen den Menschen dagegen sehr hoch, bzw. kam es zur Herausbildung der zwei Klassen der Arbeiter und Fabrikbesitzer. Gleichzeitig sei der Lebensstandard so hoch wie noch nie zuvor. Ein Arbeiter könnte 1889 ein Leben führen, von dem ein damaliger Grundbesitzer des Jahres 1789 nur hätte träumen können, und vieles was damals als Luxus galt, wäre zu Carnegies Lebzeiten alltäglicher Mindeststandard. 

Hierarchische Strukturen führen zu Misstrauen

Mit der Zunahme der hierarchischen Strukturen seien zwischenmenschlicher Beziehungen jedoch auch immer mehr von Misstrauen geprägt, und Individualismus und Wettkampf bestimmten das Klima des Zusammenlebens. Diese Nachteile, also die Zunahme der Ungleichheit und das Leiden zwischenmenschlicher Beziehungen, wären es jedoch wert, in Kauf genommen zu werden, für den allgemeinen erreichten Aufstieg und Wohlstand der Menschheit. 

Wettkampf und Individualismus

Daraus lässt sich bereits ableiten, dass für Carnegie der Kapitalismus etwas Gutes ist, da er die Menschheit auf die höchste und beste Entwicklungsstufe gebracht habe. „(…) the concentration of business, industrial and commercial, in the hands of a few, and the law of competition between these, as being not only beneficial, but essential for the future progress of the race”. Ohne Wettkampf und Individualismus hätten wir die erwähnten Fortschritte der Menschheit nicht erreicht, und könnten sie auch in Zukunft nicht aufrecht erhalten. Somit hätte jeder Arbeiter das Recht auf seine hundert Dollar in der Bank, und jeder Millionär das Recht auf seine Millionen. 

Talent führt zu Reichtum

Besonders Menschen mit starken Organisationstalent und einem Verständnis für Geschäftswesen wären außerdem in der aktuellen Zeit genauso selten wie wertvoll, da sie es im System unweigerlich zu viel Geld bringen würden, und dadurch auch einen großen Nutzen für die Gesellschaft entfalten (dazu später mehr). 

Reichtum verfällt im Stillstand

Eine weitere unweigerliche Logik sei auch, dass diese Menschen nicht bei einer bestimmten Menge des Reichtums stehenbleiben könnten, da Stillstand zum Verfall des Reichtums führen würde. Stattdessen müsse der Reichtum immer weiter vergrößert, oder sonst gar nicht erst aufgebaut werden, was diese Menschen umzusetzen wüssten. 

Anarchismus und Sozialismus: Verschwendung von Ressourcen?

In diesem Zusammenhang geht Carnegie auch kurz auf Anarchismus und Kommunismus ein. Kommunismus gehe gegen die Grundfeste der modernen Gesellschaft – man müsse beachten, dass die Menschheit sich erst weiterentwickelt habe, nachdem der primitive Kommunismus überwunden worden sei. Zudem würden beide Strömungen versuchen, die menschliche Natur grundlegend zu verändern. Aber dies zu erreichen, könnte noch Ewigkeiten („eons“) dauern, sofern es überhaupt möglich wäre, was wir niemals wissen könnten. Damit wäre ein Realisation des Kommunismus „not practible in our day or in our age“, und eine Verschwendung von anderswo nützlichen Kräften. 

Pragmatismus?

Stattdessen müssten wir uns auf das konzentrieren, war vor uns liegt und was wir tatsächlich verändern können, d.h. wir sollten versuchen, aus der Gesellschaft, die wir bereits haben, das Beste herauszuholen. An anderer Stelle erklärt er auch: Man könne an den aktuellen Entwicklungen sowieso nichts mehr ändern, also könne man sie genauso gut willkommen heißen und höchstens in eine Richtung lenken, die das Leben für alle noch etwas besser macht.  

Soziale Verhältnisse als Schlüssel zur Veränderung

Was diese Richtung betrifft, wird Carnegie auch spezifischer. Ganz vollendet sieht er die aktuelle Gesellschaft nämlich noch nicht an. Das Verhältnis zwischen arm und reich sei der Schlüssel einer friedlichen, nahezu perfekten Welt, ähnlich wie die Kommunisten sie sich vorstellen, nur eben ohne große Revolution, sondern innerhalb des aus seiner Sicht notwendigen Systems aus Individualismus und Wettkampf, das wir bereits haben. Eine solche Welt könnte erschaffen, oder weiter ausgebaut werden, indem sichergestellt werde, dass die Menschen, die zu Vermögen gekommen sind, ihr Geld zum besten Nutzen der Gesellschaft verwenden.

Drei Möglichkeiten

Wie das aussehen könnte, erörtert Carnegie in drei Möglichkeiten des Umgangs mit dem eigenen Vermögen, die er gegeneinander abwägt. 

Dynastien bilden?

Die erste Möglichkeit bestehe darin, sein Vermögen stets innerhalb der eigenen Familie zu behalten, indem zu Lebzeiten sehr üppig um das Wohl der eigenen Familienmitglieder gesorgt, und nach dem Tod das Vermögen an die Familie vererbt wird. Dieses Vorgehen, so Carnegie, habe aber schon in der Monarchie nicht allzu gut funktioniert, z.B. wurde mit den Geld schlecht gewirtschaftet, Besitz habe an Wert verloren, und starker Unmut der Bevölkerung forme sich unweigerlich, wodurch viele ehemals einflussreiche Familien mittlerweile ihren Stand verloren haben. 

Schlecht für den Charakter

Außerdem täte zu viel bedingungsloser Reichtum den Nachkommen häufig charakterlich nicht sonderlich gut. Viele würden verwöhnt, und lernten zudem nicht, wie sie aus eigener Kraft ein gutes Leben aufbauen könnten. Um das zu verhindern, müssten die Familienvätern ihren Söhnen strikt beibringen, für sich selbst zu sorgen und den Reichtum höchstens in Häppchen zur Verfügung stellen, aber natürlich geschieht dies äußerst selten. 

Familienstolz

Zwar gäbe es einige Beispiele, in denen Söhne aus reichem Elternhaus tatsächlich gute Charaktermerkmale zeigten und ihr Vermögen für das Wohl der Gesellschaft einsetzten, aber diese Beispiele hielten sich in Grenzen. Aus diesen Gründen schließt Carnegie auch damit, dass eine Weitergabe des Geldes innerhalb der Familie häufig nicht mit den besten Absichten gegenüber der Nachkommen oder der Gesellschaft einhergehe, sondern eher mit selbstbezogenem Familienstolz. 

Stiften?

Als zweiten Weg sieht Carnegie, dass der eigene Reichtum zu Lebzeiten noch in den Händen des Eigentümers bleibt, aber spätestens nach dessen Tod zum Wohl der Gesellschaft eingesetzt wird, z.B. durch die Anordnung in einem Testament, oder indem man es durch eine Erbschaftssteuer zur gesellschaftlichen Regel macht – „provided a man is content to wait until he is dead before he becomes of much good in the world”. 

Keine große Leistung

Aber die wahrhaftigen Wünsche des Verstorbenen werden bei der Ausführung eines Testaments oft in Frage gestellt oder nicht richtig umgesetzt. Nicht selten vergeht zusätzlich, gerade wenn es zu einem Rechtsstreit kommt, sehr viel Zeit, bis es zur Realisierung des letzten Willens, bzw. zur Ausführung des gesellschaftlich Nützlichen kommt. Ähnliches könnte auch bei Umsetzung einer Erbschaftssteuer eintreten. Bei letzterer komme noch hinzu, dass der Verstorbene zu Lebzeiten nichts gehabt hätte, worauf er wahrhaft hätte stolz sein können, da ihm der Dienst für die Gesellschaft nur gesetzlich abgezwungen wurde. Auch die Gesellschaft selbst hätte in diesem Fall nichts zu danken. Vielmehr könnte man annehmen, dass wenn der Betroffene die Möglichkeit gehabt hätte, sein Geld mit ins Grab zu nehmen, dies womöglich getan hätte. Carnegie sieht also auch diese Möglichkeit nicht als den vielversprechendsten Weg an, führt allerdings einige Überlegungen zur Erbschaftssteuer noch etwas weiter aus. 

Progressive Erbschaftssteuer   

Unter anderem spricht er sich für eine graduelle Erhöhung der Erbschaftssteuer aus, die bei kleinen Vermögen auch nur in kleinen Prozentbereichen anfangen, und bei größeren Vermögen jedoch rapide ansteigen sollte. Wenn ich es richtig verstanden habe, schlägt er bei den höchsten Vermögen die gesellschaftliche Beanspruchung der Hälfte dieser Vermögen vor. „By taxing estates heavily at death the state marks its condemnation of the selfish millionaire’s unworthy life”. In diesem Zusammenhang findet er überdies nicht, dass dadurch ein geringerer Anreiz gesetzt wäre, sich ein Vermögen aufzubauen. Jeder Mensch hätte gerne, dass nach seinem Tod viel (positiv) über ihn geredet wird, und außerdem einen Willen, etwas Gutes in der Welt zurückzulassen. Diese Option wäre deutlich attraktiver, als nach dem Tod von der Gesellschaft verspottet und/oder direkt vergessen zu werden.

Investitionen zu Lebzeiten

Die dritte und beste Möglichkeit wäre nun, sein Vermögen bereits zu Lebzeiten zum Allgemeinwohl einzusetzen. Diese Kategorie unterteilt Carnegie noch einmal in drei Unterkategorien, d.h. dem Spenden zu wohltätigen Zwecken (Charity), der Verteilung des Geldes in jeweils kleinen Mengen an möglichst viele Menschen, und der Gründung von Stiftungen und Schaffung von öffentlichen Einrichtungen. 

Charity als schlechteste Möglichkeit

Das Spenden zu wohltätigen Zwecken sieht Carnegie überraschenderweise als größte Gefahr zur Errichtung einer guten Gesellschaft, da es auf den ersten Blick mit einem tatsächlichen Nutzen für die Gesellschaft verwechselt werden kann. Tatsächlich ginge das investierte Geld aber sehr wahrscheinlich an Menschen, die sich auf der wohltätigen Unterstützung ausruhen und nicht vor hätten, eigenmächtig aus ihrer Misere zu gelangen, wie Säufer, Faule oder schlicht die „unworthy“. 

Rauswurf von Geld?

Menschen, die tatsächlich einen Schicksalsschlag in ihrem Leben erfahren, aber sonst guten Willen im Leben gezeigt haben, sollte natürlich in diesen Momenten geholfen werden, auch, wenn dies im direkten Umfeld der vermögenden Person geschieht. Jedoch könne im Charity-Rahmen nie nachgeprüft werden, ob das Geld tatsächlich für ausschließlich solche Zwecke eingesetzt würde, und zu vermuten ist, dass es häufiger an die sogenannten „unworthy“ gerät. Von daher setzt Carnegie das wohltätige Spenden einem direkten Rauswurf von Geld aus dem Fenster gleich.

Geld gleichmäßig verteilen

Um Geld am effektivsten in kleinen Summen an viele Menschen zu verteilen, also die zweite Unterkategorie umzusetzen, bietet sich laut Carnegie natürlich eine Erhöhung des Arbeiterlohns an. Hier wäre allerdings das Problem, das dieses Geld von den einzelnen Menschen vermutlich nicht zum besten Zweck für die Gesellschaft ausgeben werden würde, sondern wohl eher für gutes Essen, kurzzeitige Annehmlichkeiten oder im schlimmsten Fall zur Befriedigung niederer Launen. So oder so würde es vermutlich für den Privatgebrauch eingesetzt, und dann in etwas investiert, das die Wertschöpfungskette des Geldes direkt beendet, anstelle von dauerhaften Nutzen zu sein. Auch dies sei also nicht der beste Weg. 

Kultureinrichtungen etablieren

Nun kommt Carnegie zur letzten Unterkategorie, nämlich der Gründung von Stiftungen, dem Bauen frei zugänglicher Einrichtungen, wie öffentlicher Bibliotheken, Kunststätten, Bildungseinrichtungen, Parks und dergleichen. Diese Einrichtungen stünden der gesamten Gemeinschaft zur Verfügung und würden es denen, die tatsächlich etwas Gutes aus ihrem Leben machen wollen, ermöglichen, ihr Ziel umzusetzen (was wiederum erneut zur Erreichung des bestmöglichen Entwicklungsform der Menschheit beiträgt). 

Hoher gesellschaftlicher Nutzen

Es ist außerdem etwas, das nach einmaliger Investition lange überdauert und der Gemeinschaft für Generationen einen hohen Nutzen hinterlässt. So etwas könnte weder durch die Erhöhung des Mindestlohns oder Spenden an wohltätige Zwecke erreicht werden. Die Gründung von Stiftungen und öffentlicher Einrichtungen ist für Carnegie somit das wirkungsvollste Gegengift („antidote“) gegen die vorherrschende Ungleichheit, und der beste Weg zu einer wahren, friedlichen Gesellschaft. Der Reichtum der Wenigen werde hier im besten Sinne das Eigentum der Vielen, weil es für das „common good“ eingesetzt wird. 

Bescheiden sein

Daraus leitet sich die Pflicht eines jeden Mannes von Reichtum ab, ein bescheidenes Leben zu führen, für die Leute zu sorgen, die von ihm abhängen, und mit dem danach überschüssigen Geld dem Allgemeinwohl zu nutzen. Als Messlatte dafür, ab wann eine Lebensweise als bescheiden oder zu extravagant gilt, soll die Öffentlichkeit dienen, da sie die Standards der aktuellen Zeit am besten einschätzen könne. 

Carnegies Sinnstiftung

Carnegie schließt mit den Worten, dass ein reicher Mann, der verstirbt, und sein Geld zu Lebzeiten nur für sich behielt, „unwept, unhonored and unsung“ sterbe. Widme man sich dagegen dem zentralen Problem der heutigen Zeit, dem Problem der Reichen und Armen, bringe man „peace on earth, among men good will“. 

Meine Kritik an Carnegie 

Zunächst möchte ich einräumen, dass Carnegies Argumente insgesamt natürlich nachvollziehbar und logisch aufgebaut sind, wenn er auch nach meiner Einschätzung an einigen Punkten zu kurz denkt. Es ist interessant, dass es für ihn, obwohl überzeugter Kapitalist, offensichtlich falsch war, Reichtum ohne weitere Bedenken bei Einzelpersonen zu horten. 

Erbschaftssteuer

Auch ist seine Perspektive auf die Erbschaftssteuer, die damals vermutlich noch etwas unvoreingenommener war, als man es heutzutage vermutlich wäre, sehr „erfrischend“, da er auch ein paar Argumente einbringt, mit denen man heutzutage schon gar nicht mehr erwarten würde, Erfolg zu haben, wie den generellen Appell und die zugrundeliegende Annahme, dass jede*r am Allgemeinwohl interessiert wäre und auch moralisch betrachtet daran interessiert sein sollte, etwas dazu beizutragen. 

Kein Lesen ohne Hintergedanken

Ich finde seine alte (für mich neue) Sichtweise bringt die eingerostete Debatte um eine höhere Erbschaftssteuer wieder auf neue Wege, weswegen ich seinen Aufsatz gerne gelesen habe. Nichtsdestotrotz sind mir beim Lesen mehrere Kritikpunkte aufgefallen, die ich gerne einbringen möchte. Diese sind eher als spontane Gedanken zu betrachten, und nicht als tief und streng recherchierte Argumente. 

Was ist die Natur des Menschen?

Zunächst denke ich nicht, dass sich die Natur des Menschen hauptsächlich, wie Carnegie es am Anfang beschreibt, durch Konkurrenzverhalten und Wettkampfkultur auszeichnet. Zwar ist dieser Teil in der menschlichen Natur definitiv vorhanden, aber meiner Sichtweise nach zu viel geringeren Teilen als gemeinschaftliches und solidarisches Verhalten. Das merkt man einerseits daran, dass viele Menschen in Umfeldern, die stark von Wettkampf geprägt sind, unglücklich zu werden scheinen und psychische Probleme entwickeln.

Soziales Wesen

Gleichzeitig könnte man damit argumentieren, dass der Mensch von Natur aus zwanghaft ein soziales Wesen sein musste, da ohne gegenseitige Unterstützung ein Überleben in Urzeiten kaum möglich gewesen wäre. Dies hat sich in der DNA weiterhin erhalten, und erklärt auch, warum Menschen nach wie vor so große Angst vor sozialem Ausschluss haben, selbst, wenn man in der heutigen Zeit auch gut für sich alleine sorgen könnte. 

Nächstenliebe

Ferner begegnet man Nächstenliebe und Solidarität im Alltag sehr häufig, z.B. bei Kindern oder Erwachsenen, die ihre Pausenmahlzeit miteinander teilen, bei Menschen, die Obdachlosen Geld geben, oder Menschen, die einer auf der Straße verunglückten Person sofort zur Hilfe eilen. 

Harmoniebedürfnis

Tatsächlich ist es im realen direkten Umfeld äußerst selten, dass Menschen sich, abgesehen von kleinen Streitigkeiten, etwas ernsthaft Böses für eine andere Person wünschen. Zudem haben die meisten Menschen ein starkes Harmoniebedürfnis, und finden Konflikte eher unangenehm, was ebenfalls auf die wahre Natur des Menschen schließen lässt. 

Schaden entsteht abstrakt

Dass weitreichende Entscheidungen getroffen werden, die einen immensen Schaden für eine Vielzahl anderer Menschen bedeuten würden (wie z.B. die Ausrufung von Krieg), geschieht häufig auf abstrakter, staatlicher Ebene, wo der direkte Kontakt mit den Betroffenen nicht vorhanden ist. 

Kultur

Als letztes Argument lässt sich außerdem einbringen, dass Menschen auch immer ein Produkt der Kultur sind, in der sie aufgewachsen sind. Es ist somit nicht verwunderlich, dass jemand, der in einer stark wettkampfgeprägten Kultur groß geworden ist, davon ausgeht, dass nur dies die wahre Natur des Menschen sein kann, da er häufiger menschliches Verhalten erfahren wird, das sich der kulturellen Norm der eigenen Zeit anpasst. 

Unvoreingenommenheit

Die kritische Psychologie weist hingegen daraufhin, dass Kinder sich so verhalten, wie es ihnen nahegelegt wird, und unter verschiedenen Einflüssen in ähnlichen Situation auch komplett anderes (alias sozialeres) Verhalten zeigen können, als wir es aus unserer voreingenommen Sicht erwarten würden. Somit widerspreche ich Carnegies Annahme, dass der Mensch von Natur aus zu Konkurrenzverhalten neige, und gehe dadurch auch nicht davon aus, dass es „Äonen“ dauern würde, eine solidarische Gesellschaft zu errichten. 

Alternativlosigkeit als Gefahr 

Des Weiteren finde ich es gefährlich, das aktuelle System, als auch jedes andere System als unveränderbar darzustellen, wie Carnegie es tut. Indem eine Situation als alternativlos dargestellt wird, sind die Menschen gezwungen, ihre Unzufriedenheit einfach herunterzuschlucken, und kommen häufig gar nicht mehr auf die Idee, sich überhaupt noch mit berechtigter Kritik und möglichen Lösungen der Lage auseinanderzusetzen. 

Kritik abwehren

Deswegen findet sich dieses Narrativ auch häufig bei Politikern oder CEOs (z.B. von KI oder sehr klimaschädlichen Unternehmen), die Kritik an ihrer offensichtlich fragwürdigen und unmoralischen Vorgehensweise von vornhinein verhindern wollen. Das Framing, dass Kapitalismus, Ungleichheit, Klimawandel usw. unausweichlich wären, hat sich schon jetzt teilweise sehr erfolgreich durchgesetzt, und blockiert seitdem große Bestrebungen nach Wandel, da viele Menschen sich (meiner eigenen Wahrnehmung nach) stark hoffnungslos fühlen und sich als nicht eigenmächtig wahrnehmen. Von solchen Narrativen sollte also in Zukunft abgesehen werden.  

Vorteile vs. Nachteile

Ist man schon beim Klimawandel angelangt, so frage ich mich, ob Carnegie bei rein objektiver Betrachtungsweise mit dem Wissen über Klimawandel, wie wir es heutzutage haben, immer noch zu dem Schluss gekommen wäre, dass die Vorteile des Kapitalismus die Nachteile insgesamt überwiegen. Er selbst beschreibt die wirtschaftliche Funktionslogik, dass Reichtum niemals stillstehen kann. Entweder muss die Wirtschaft wachsen und stetig neuen Wert generieren, oder sie wird direkt zusammenbrechen. 

Kein höherer Gesamtnutzen 

Wenn dieses ständige Wachsen nun aber zu einer immer weiter andauernden Zerstörung der Natur führt, und somit langfristig einen Verfall des Ökosystems hervorbringt, von dem wir alle als Menschheit für unser Überleben abhängig sind, wie kann dann noch von einem überwiegenden Gesamtnutzen für die Menschheit ausgegangen werden?  

Der Wert materieller Güter

In diesem Zusammenhang gefällt mir auch nicht wirklich, wie leichtfertig Carnegie materielle Werte über zwischenmenschliche Beziehungen stellt. Aus seiner zeitlichen Perspektive ergab es vielleicht durchaus Sinn, wenn sein Leben als auch das Leben vieler anderer in naher Vergangenheit von Armut geprägt war, dass er materiellen Gütern eine hohe Wertschätzung entgegen brachte. 

Urteilskraft?

Vielleicht kann ich auch nicht sonderlich gut über solche Verhältnisse urteilen, da ich, wie meine Oma einmal sagte, zu der Generation gehöre, der es nie an irgendetwas gefehlt hat, die immer satt war, und immer alles bekommen hat, was sie brauchte. Aber ich bin gleichzeitig auch damit groß geworden, dass viele Menschen in ihrem Leben unglücklich sind, Schwierigkeiten haben, tiefgehende menschliche Bindungen aufzubauen, und, wie bereits gesagt, psychische Krankheiten entwickeln. 

Innerer Frieden 

Solange die wichtigsten physischen Grundbedürfnisse gedeckt sind, glaube ich, dass jeder Mensch eher eine gesunde Psyche wählen würde, anstelle fragile mentale Gesundheit mit einem Leben in unnötigem Luxus. Darüber hinaus wäre ich durchaus bereit, einen großen Teil des heutigen Wohlstandes aufzugeben, wenn ich dafür sicher sein könnte, dass in ein paar Jahrzehnten das Klima nicht völlig verrückt spielen wird, Inseln und Küstenstriche nicht unter dem Meer vergraben werden würden, der Nahrungsanbau dauerhaft gewährleistet bliebe, ich die Luft auf dem Planeten noch weiterhin ohne Bedenken atmen könnte, und keine Kriege durch knappe Rohstoffe und wenig fruchtbares Land begünstigt werden würden.

Dankbar für was?

An dieser Stelle kommt, wenn ich mit anderen Leuten diskutiere, meistens früher oder später der Einwand, dass man doch die Fortschritte in bspw. Wissenschaft und Medizin berücksichtigen müsse, die ohne Industrialisierung und Kapitalismus nicht möglich gewesen wären, und für die ich doch zwingend dankbar sein muss. Dankbar bin ich für diese Fortschritte auch, aber ich frage mich, ob Medizin und Wissenschaft ohne finanziellen Wettbewerb und Wiederspiegelung der Diskriminierungsmuster unserer Gesellschaft nicht vielleicht sogar besser dran gewesen wäre. 

Forschung für Geld

Was Wissenschaft und Universitäten betrifft, kann ich nur darauf hinweisen, wie prekär die Arbeitssituation vieler Professor*innen mittlerweile ist und wie baufällig die meisten Unis geworden sind. Viele Professor*innen berichteten während meiner Studienzeit außerdem davon, dass man eine Finanzierung des eigenen Projektes häufig nur zugesprochen bekäme, wenn man es so verkaufen könnte, als gäben die erwarteten Ergebnisse einen finanziellen, und nicht unbedignt einen gesellschaftlichen Nutzen. Wie sollte sonst ein Projekt, das vielleicht ein halbes Jahr oder länger andauerte, getragen werden? 

Medizin nach Marktchancen

In unserem System wird es also Forschung, die im Interesse des Allgemeinwohls wäre, häufig schwerer gemacht, während Forschung, die nützlich für den Markt ist (bspw. „Wie lässt sich Haarausfall am besten bekämpfen, um ein entsprechendes Produkt zu verkaufen?“) eher gefördert wird. Auch in der Pharmaindustrie kommen bspw. fast jedes Jahr neue Mittel gegen Erkältungen auf den Markt, da ein Großteil der Menschen davon, allerdings auch mit geringen Folgen, betroffen ist, während Krankheiten, die sehr gravierende Folgen für die Betroffenen mit sich bringen, aber nur eine geringe Anzahl von Menschen betreffen, kaum erforscht werden, da sich mit der Heilung solcher Krankheiten weniger Geld verdienen ließe, als mit dem Verkauf halbstarker Erkältungsmittel. Genauso sieht man an der deutlichen Vernachlässigung von weiblicher Physiologie (bspw. mangelnde Erforschung von Endometriose), dass unsere Wissenschaft und Medizin nicht für das Allgemeinwohl handelt, sondern Diskriminierungsmuster reproduziert.

Wie weit wären wir wohl ohne Kapitalismus?  

All das wollte ich nur aufführen, um den Punkt zu machen: Ja, Wissenschaft ist im Kapitalismus weit gekommen, aber wer weiß wie weit sie noch hätte kommen können, wenn sie sich in der selben Zeitspanne in einem System entfaltet hätte, das nicht von Marktlogiken geprägt war? An meiner These, dass der Kapitalismus insgesamt mehr Nachteile als Vorteile für die Menschheit gebracht, halte ich somit weiterhin fest. 

Wie nützlich sind Carnegies Kultureinrichtungen wirklich?

Dies war bisher meine Kritik an den systemischen Punkten, die Carnegie aufmacht. Zu der Nützlichkeit seiner öffentlichen Einrichtungen und seiner Sichtweise auf Ungleichheit möchte ich ebenfalls etwas anmerken. Mal abgesehen davon, dass er Ungleichheit, Ausbeutung und Unterdrückung einfach als Notwendigkeit hinnimmt, was bereits moralisch bedenklich ist, frage ich mich, ob die sogenannten unteren Klassen tatsächlich einen so großen Nutzen aus öffentlichen Einrichtungen wie Bibliotheken, Parks, Kunstausstellungen etc. ziehen könnten, wie er es darstellt. 

Lebensverhältnisse blockieren Entwicklung

Nicht viele Leute haben nach einem 8-Stunden-Tag oder einer 40-Stunden-Woche, die überdies erst im 20. Jahrhundert eingeführt wurde, noch die Zeit und mentale Kapazitäten, um sich dem selbstständigen Studium zu verschreiben. Abgesehen davon tritt der soziale „Fahrstuhleffekt“, wie wir ihn heute nennen, erst Jahre später ein. Zu Zeiten Carnegies lebte ein Großteil der Arbeiter immer noch in Armut, während es ihnen in Zeiten der Monarchie, anders als Carnegie es beschreibt, vermutlich sogar deutlich besser ging. 

Vereinbarkeit von Care-Arbeit und Lohnarbeit

Wie fast alle Theoretiker seiner Zeit lässt Carnegie außerdem Frauen und Care-Arbeit völlig aus seinen Überlegungen aus. Wer tagsüber ggf. in der Fabrik arbeitet, und sich Abends oder ganztags um seine Kinder und Familie kümmern muss, wird kaum Zeit für gar irgendetwas im Leben finden, geschweige denn der Aneignung von zusätzlicher Bildung. Bevor dies möglich werden kann, müsste das System erst eine Lösung für die Vereinbarkeit von Care-Arbeit und Lohnarbeit finden, die bis heute nicht zufriedenstellend gegeben ist. 

Die feinen Unterschiede

Selbst wenn die zeitlichen Kapazitäten vorhanden wären, wäre es weiterhin für die Arbeiterschicht deutlich schwerer, sich hochzuarbeiten, da, wie Marx schon sagte, die Lebensumstände das Wesen eines Menschen nachhaltig prägen. Jemand, der eine Erziehung in der sogenannten oberen Schicht erhalten hat, wird es leichter finden, sich in dieser zurechtzufinden, da er alle kleinen Förmlichkeiten und Rituale kennt, bestimmtes 

fachliches als auch soziales Vorwissen praktisch in die Wiege gelegt bekommen hat, während solche leicht zu übersehenden Verhaltensweisen, oder auch mentalen Kapazitäten, für jemanden aus der Arbeiterschicht deutlich schwerer zu erreichen wären (so schreibt auch Pierre Bourdieu in „Die feinen Unterschiede“). Carnegie geht also von einer Art Chancengleichheit aus, die nicht gegeben ist. 

Zynisch

Des Weiteren legt er eine sehr zynische und verallgemeinernde Perspektive gegenüber Menschen an den Tag, die Empfänger von wohltätigen Spenden wären. Menschen, die einen überraschenden Schicksalsschlag erfahren, der sie sonst aus dem Leben werfen würde, solle geholfen werden. Aber woher sollte man wissen, dass Drogenabhängige, Menschen auf der Straße, oder vermeintlich „Faule“ nicht ebenfalls solche Schicksalsschläge, und davon vielleicht auch mehrere, erlitten haben, während in dieser Zeit nur gerade niemand zur Verfügung stand, der ihnen hätte helfen können? 

Der bessere Mensch

Außerdem ist die Annahme, dass es Menschen gäbe, die ein würdevolles Leben verdient hätten, und welche, die dies nicht verdient hätten, schon im Kern menschenverachtend, und setzt voraus, dass es einige Menschen gäbe, die „besser“ wären als andere. Eine solche Denkweise über „bessere“ und „wertvollere“ Menschen war schon immer Vorläufer und Grundlage von rechtsextremen, brutalen Verhaltensweisen und Massenvernichtungen, wodurch sie äußerst kritisch gesehen und im besten Fall ganz abgelegt werden sollte. Man könnte sich darauf einigen, dass alle Menschen erst einmal einen annehmbaren Lebensstandard verdient hätten, und Menschen, die auffällige Dinge erreichten, weitere Belohnungen wie zusätzliche Güter oder soziale Anerkennung erhalten könnten. 

Freiwillig spenden?

Auch zu Carnegies Einordnung der verschiedenen Möglichkeiten mit Reichtum umzugehen, sind mir noch ein paar Sachen aufgefallen. Der Weg, Reichtum zur eigenen Lebzeit in öffentliche Güter und Einrichtungen zu investieren, beruht auf der Freiwilligkeit der Vermögenden, was aus Carnegies Sicht ehrbarer ist, als wenn die Vermögenden nur dazu gezwungen werden. Dabei geht er davon aus, dass der öffentliche Druck und der Wille, von der Gesellschaft positiv in Erinnerung zu bleiben, ausreichen wird, um das freiwillige Verhalten anzustoßen.(Ehrbarer wäre das Vorgehen dann allerdings nicht, denn handelt eine Person, die unbedingt langfristig von der Gesellschaft beehrt werden möchte, nicht ebenfalls aus egoistischen Gründen?). 

Manipulation und mangelnde Expertise

Und woher weiß der Vermögende außerdem, was für eine Art von öffentlicher Einrichtung gerade am sinnvollsten wäre? Und gäbe es keine Kräfte, die aus Motiven des Selbstzwecks versuchen würden, seine Meinung für sich zu beanspruchen? Und was wäre, wenn er es schafft, doch einen anderen Weg des Investierens seines Vermögens der Öffentlichkeit schönzureden, selbst wenn dieser Weg eher ihm selbst nutzen würde, und nicht der Gesellschaft? Öffentliche Anerkennung würde er dadurch trotzdem erhalten, ohne einen großen Preis dafür zu bezahlen, was für ihn doppelt nützlich wäre. 

Geld schafft Einfluss

Heutzutage können stark vermögende Menschen sehr schnell eine weitläufige Medienreichweite aufbauen, und zudem die Politik deutlich leichter zu ihren Gunsten beeinflussen, als es Menschen mit geringen Einkommen könnten. So kann auch die öffentliche Meinung leicht in andere Richtungen gelenkt werden, wodurch die öffentlichen Verurteilungsmuster als Motivator und die öffentliche Messlatte für einen angebrachten Lebensstil verfälscht werden könnten. 

In der eigene Bubble

Des Weiteren unterschätzt Carnegie die Wirkung des selbst erwähnten Individualismus, denn wenn alle getrennt und unabhängig voneinander in einer Gesellschaft, aber nicht mehr in einer Gemeinschaft leben, welche Konsequenzen hätte dann die öffentliche Meinung, ob vor oder nach dem Tod, noch für die vermögende Person? Die Vormachtstellung in der Gesellschaft würden sie so oder so behalten, solange ihr Vermögen erhalten bleibt. Vielmehr verkehren wohlhabende Menschen häufig in Kreisen, die sie selbst spiegeln, und aus diesen können sie sich eine Menge sozialer Anerkennung abholen, die sie höchstwahrscheinlich überdies für die falschen Werte und Verhaltensweisen loben wird (d.h. Verhaltensweisen, die den eigenen Reichtum vergrößern und nicht dem Allgemeinwohl entsprächen). 

Kollektive Willensbildung statt Einzelentscheidungen

Nach dieser Betrachtungsweise wäre wohl doch eine verpflichtende Abgabe verlässlicher und nützlicher, zumal die Gesellschaft daraufhin, im besten Fall, selbst entscheiden könnte, wofür das Geld verwendet wird, da diese auch selbst am besten weiß, was sie am dringendsten braucht. 

Löhne werden sehr wohl re-investiert

Carnegie spricht sich außerdem gegen die Erhöhung der Löhne aus, da dieses Geld nicht sinnvoll investiert werden würde. Bleibt man nun aber auf dieser rein wirtschaftlichen Ebene, muss jedoch bedacht werden, dass gerade Individualkonsum eine starke Antriebskraft der nationalen Wirtschaft ist, wodurch Wirtschafswachstum gewährleistet wird, ohne das es gar nicht erst möglich wäre, ein Vermögen aufzubauen, das der Gesellschaft so viel nutzen soll.

Sicherheit durch Mindestlohn

Außerdem ist ein gewisser finanzieller Spielraum, der durch die Höhe des Lohnes zugelassen werden müsste, eine Grundvoraussetzung dafür, dass Menschen sich finanzielle Mittel zurücklegen und Sicherheiten aufbauen können, die man benötigen würde, um sich selbst bspw. ein eigenes Geschäft aufzubauen und Schritt für Schritt eigene Investitionen zu tätigen. Mit einem zu geringen Lohn würde Carnegie somit den Menschen, die „wahrhaft etwas aus ihrem Leben machen wollen“, die Möglichkeiten der Entwicklung nehmen, die er selbst so hoch hält. Mit öffentlichen Einrichtungen allein ließe sich dieser Umstand nicht ausgleichen.  

Ungleichheit aufbauen um sie abzubauen?

Zuletzt möchte ich noch einmal auf Carnegies Gesamtkonzept eingehen. Warum sollte man den Umweg gehen, und Ungleichheit in der Gesellschaft sich zuerst aufbauen lassen, nur um sie danach wieder umständlich und mit einigen Hürden abzubauen? Stattdessen könnten die erwirtschafteten Gewinne auch direkt zu einem Teil fair unter den Arbeitenden verteilt werden, da diese auch den Hauptaufwand an der Generierung des betreffenden Gewinns geleistet haben. Zu einem anderen Teil könnten die Gewinne direkt durch den Staat oder die Entscheidungsmacht der Arbeiter selbst in das Allgemeinwohl investiert werden. 

Die wenigsten Reichen spenden uneigennützig

Das hat den Hintergrund, dass es wie beschrieben, unwahrscheinlich ist, dass wohlhabende Personen ihr Vermögen tatsächlich so investieren, wie Carnegie es vorgesehen hat. Selbst die Mittel, die eine Vermögensabgabe erzwingen würden, haben sich in den vergangenen Jahren als extrem schwer umsetzbar herausgestellt. 

Gesellschaftliche Destabilisierung durch Ungleichheit

Gleichzeitig destabilisiert eine hohe Ungleichheit eine Gesellschaft permanent. Sie sorgt für Unzufriedenheit mit dem System, für mehr Kriminalität und einen Anstieg von Krankheiten (da ärmere Menschen öfter vom Gesundheitssystem vernachlässigt werden und durch ihre Lebensumstände häufiger eine ungesündere Lebensweise entwickeln), für soziale Unruhen und für einen vermehrten Hang zu autoritären und demokratiefeindlichen Kräften (da Menschen u.a. das begründete Gefühl bekommen, von aktuellen Kräften nicht ernst genommen zu werden und im aktuellen System nicht gut dran zu sein). Allein aus diesen Gründen ist Ungleichheit stets so gering wie möglich zu halten.  

Die Betroffenen sollten entscheiden  

Wenn die Entscheidungsmacht über die generierten Übergewinne jedoch nicht bei den Eigentümern liegt, kommt, wie bereits angeschnitten, die Frage auf, wie die Gewinne sonst verteilt werden sollten. Im besten Fall würde dies so weit wie möglich von den betroffenen Menschen selbst entschieden, z.B. mit einer maximalen Ausschöpfung von Bürgerbeteiligung und dabei insbesondere dem Einsatz von Bürgerräten. Geht man davon aus, dass es den Staat noch eine Weile geben wird, müsste natürlich auch dieser dabei zum Einsatz kommen, und die Meinung der Bürger maximal miteinbeziehen und berücksichtigen. Denn Repräsentanten auf Staatsebene können, genauso wie Millionäre, leicht vom Allgemeinwohl abkommen und für eigene Zwecke handeln, wenn sie die Nähe zur allgemeinen Gesellschaft verlieren.

Allgemeinnutzen des Staates sicherstellen

Deswegen müsste abgesehen von einem starken Ausbau der Mitbestimmungsmöglichkeiten und Aufrechterhaltung des Kontaktes zur allgemeinen Gesellschaft (bspw. durch die Anpassung der Lebensverhältnisse von Abgeordneten an die eines normalen Bürgers, oder eine vorgeschrieben höhere Anzahl von Sprechstunden mit bürgerlicher Interessenvertretung im Vergleich zu wirtschaftlicher Vertretung) auch eine freie Presse und Meinungsbildung sichergestellt werden, eine regelmäßige Kontrolle aller Parteien bezüglich der Übereinstimmung mit der Verfassung, weitmöglichste Transparenz der Vorgehensweise zu allen möglichen Angelegenheiten, Ausbau der Verantwortlichkeit von Politikern, alias, dass es möglich sein muss, ihr Verhalten mit Konsequenzen zu belegen, wenn bspw. Unwahrheiten verbreitet, Wahlversprechen nicht eingehalten, Straftaten begangen werden oder mit der Verfassung gebrochen wird, etc.

Auch wären die staatlichen Repräsentanten im besten Fall, soweit möglich, tatsächlich repräsentativ nach den Merkmalen der Bevölkerung, und nicht einer bestimmten Berufsgruppe zugewandt. Auf diese Weise könnten zukünftig vielleicht insgesamt mehr Entscheidungen getroffen werden, die dem Allgemeinwohl dienen, und somit auch die Verteilung von finanziellen Mitteln gerechter umgesetzt werden.

Oberflächliche Abhilfe

Der Weg zu einer besseren Gesellschaft ist für mich also nicht der Ausbau oder die Aufrechterhaltung der Macht von wenigen über viele. Carnegie geht zwar davon aus, dass sich gesellschaftliche Missstände legen, wenn Reichtum durch das persönliche Ermessen der Eigentümer in gesellschaftlich nützliche Dinge investiert wird. Dies wäre wirtschaftlich und moralisch betrachtet sicherlich schon einmal besser, als sich das Vermögen nur bei Einzelpersonen aufstauen zu lassen, aber wirklich Abhilfe für die typischen kapitalistischen Probleme der Arbeiterklasse würde dieses Vorgehen nicht beschaffen.

Problemlösung im Kern

Stattdessen könnte der beschriebene Weg genauso leicht von vermögenden Menschen missbraucht werden, um ihren Ruf reinzuwaschen, wie Carnegie es im Falle von Wohltätigkeitsspenden beschreibt. Bei dem Problem der Ungleichheit müsste deswegen aus meiner Sicht schon viel früher eingegriffen werden, nämlich indem von vornherein möglichst verhindert wird, dass sie sich herausbildet. Denn bei zu viel Entscheidungsmacht, die Einzelpersonen oder nur einem kleinen ausgewählten Kreis zugeschrieben wird, besteht zu häufig die Gefahr, dass diese Personen sich von der allgemeinen Öffentlichkeit absondern und unverhältnismäßig ihre eigene Perspektive bevorzugen (selbst mit guten Absichten und regelmäßigen Konsultationen wäre es schwer bis unmöglich, allen Problemen und Umständen gerecht zu werden). Deswegen sollte Macht so weit, wie es unter Erhaltung von gesellschaftlicher Effizienz möglich ist, breit verteilt werden, und in den Händen der Menschen liegen, die selbst am meisten von den jeweiligen Entscheidungen betroffen wären und ihre eigenen Lebensverhältnisse am besten kennen. 

Vermögen bringt Verantwortung

Nichtsdestotrotz bringt Carnegie einige Punkte ein, die auch für den zeitgenössischen Diskurs über den Umgang mit privaten Reichtum von Relevanz sind. Obwohl ein starker Verfechter des Kapitalismus und Individualismus, sieht Carnegie ein, dass ohne bestimmte Eingriffe oder Maßnahmen das System nicht vollkommen wäre. Außerdem erkennt er, dass aus höherem Vermögen eine größere soziale Verantwortung der Gesellschaft gegenüber entsteht, als es eine durchschnittliche Privatperson hätte. Diese Punkte kollektiv anzuerkennen würde unsere gesellschaftliche Debatte schon einmal deutlich weiter bringen. 

Einflussreiche Persönlichkeit 

Auch ist die Idee der Schaffung von gemeinnützigen Stiftungen zu Carnegies Lebzeiten vermutlich noch nicht sonderlich verbreitet gewesen, wodurch er sich von seinen kapitalistischen Zeitgenossen abhebt. Mehr zu diesem Thema, auch zu einigen von Carnegies charakterlicher Inkonsistenzen, kann man durch die Beschäftigung mit seiner Biografie erfahren. So oder so bleibt er eine interessante Persönlichkeit, deren Einfluss uns – nicht nur durch die Finanzierung des Baus des Friedenspalastes in Den Haag – bis heute prägt, ganz, wie er es selbst vorgesehen hat.

Mehr Infos:

Unser Besuch am Friedenspalast:
https://vernetzungpartizipation.org/besuch-am-friedenspalast/

Was bedeuten die pseudoreligiösen Deko-Elemente des Friedenspalastes?
https://vernetzungpartizipation.org/was-bedeuten-die-pseudoreligioesen-deko-elemente-des-friedenspalastes/

Friede und Recht? Auf den Spuren der Alten Friedensbewegung: 
https://vernetzungpartizipation.org/friede-und-recht-auf-den-spuren-der-alten-friedensbewegung/

Hinweis:
Die Veranstaltung wird von der Europäischen Union im Rahmen von Erasmus + als Jugendpartizipationsprojekt gefördert.

Das Projekt wird finanziert von der Europäischen Union. Der Inhalt gibt ausschließlich die Meinung der Autor:innen wieder. Die EU-Kommission und Jugend für Europa haften nicht für Folgen aus der Wiederverwendung.