Wladimir nach Den Haag

In der Vorbereitung des Papp-Putin nach Den Haag zum Kriegsverbrecher*innen-Tribunal Schleppens haben wir uns viele Gedanken über die Aktion gemacht: Was ist die Symbolik? Was bedeutet sie? Wie groß ist Putin eigentlich und welchen Gesichtsausdruck hätte er wohl, wenn wir ihn beim Internationalen Strafgericht abgeben? Dies, und warum wir uns für eine solidarische Hommage an den Kölner Künstler Jaques Tilly entschieden haben, steht in diesem Text.

Mit Putin nach Den Haag!

Am Anfang steht er nur meinem Kopf, steht in einem Lichtkegel mit seiner wachsigen Haut auf einer Bühne und wird mit alten, summenden Halogen-Scheinwerfern ausgeleuchtet. In diesem Lichtkegel steht Wladimir Wladimirowitsch Putin. Wir wollen ihn nach Den Haag bringen. Nur, im Kopf haben ihn sicherlich schon sehr viele nach Den Haag gewünscht. Wie bekommen wir ihn wirklich nach Den Haag?

Politische Ikonografie

Wir müssen Wladimir Putin auf irgendeine Art zum Objekt machen und weil unser Ziel eine politische Aussage durch Fotos im öffentlichen Raum ist, entscheiden wir uns für ein Bild von ihm. Ein großes Bild soll es sein, ein lebensechter Wladimir. Damit bewegen wir uns aber absehbar in der Welt der Herrschaftsdarstellung und weil das eine höchst aufgeladener kulturelle Praxis ist, stellen wir lieber ein paar Reflexionen an, um unsere Aussage möglichst über die Form zu stützen und nicht zu unterlaufen. Los geht’s.

Je nach Herrschaftstradition und gewünschter Aussage, umgeben sich Mächtige gern wahlweise mit vielen aus ihrem Hofstaat oder niemandem. Man denke an die Fotos mit demonstrativen Umzingelungen durch sehr wichtig aussehende Figuren hinter Obama und Trump am Schreibtisch im Oval Office, was wohl vermitteln soll: „Schaut’s her, alle klugen Leute finden gut, was ich mache.“ Oder die zum Meme gewordenen fotografischen Dokumente von Besichtigungen Kim Jong-Ils, auf denen er sich diametral zur politischer Analyse (Ein-Personen-Diktatur) sehr Volks- oder zumindest Expert*innen-nah inszeniert: „Schaut’s her, die Expert*innen und damit irgendwie das Volk sind mit mir“.

Auf der anderen Seite der Darstellung gibt es die Gattung der Portraits Herrschender mit Ein-Gott-Ästhetik, die ausdrücken, inwiefern sich alle Entscheidungsgewalt im Staat (oder einem anderen hierarchischen Hoheitsbereich) in einer Person vereint. Die Standesporträts europäischer Herrschaftshäuser haben ein gewaltiges Erbe an Öl auf Leinwand hinterlassen und man muss sich angesichts der Herstellungsdauer solcher Portraits damals fragen, ob sie eigentlich noch für irgendetwas anderes, als Portrait-Stehen Zeit hatten. 

Viele kleine Putins oder einer?

Auch aus pragmatischen Gründen wird Wladimir alleine auf seiner Bühne stehen, denn die Bühne wird nur aus bedrucktem Plastik auf einer federgespannten Spule bestehen, die wir oben drein auch noch ganz faktisch nach Den Haag tragen müssen. Wladimir muss ja wirklich mitkommen, nicht nur symbolisch. Politisch wäre es dagegen natürlich sehr sinnvoll, auch die zweite Reihe einem breiteren Publikum bekannter zu machen und die liberale Erzählung zu brechen, wonach autoritäre Regime und Diktaturen nur von einer Person getragen würden.

Doch nicht nur aus pragmatischen Gründen (Roll-up als Medium) haben wir diese Umsetzung nicht gewählt. Mit der Anzahl der Personen steigt natürlich die Komplexität, die Personen als solche erkennen, ihre Rolle im Herrschaftsgefüge zu kennen, die Symbolik der Positionen, die sie zueinander haben zu entschlüsseln, usw. Die flüchtige Rezeption im Stadtbild würde sich einer breiten Masse verschließen.

Symboliken

Damit man die Machtfülle von Personen auf Einzelportraits auch versteht, gehören zu diesen Darstellungen weitere Symbole, die Hinweise auf den jeweiligen Charakter der Herrschaftsausübung geben. Bei Angela Merkel symbolisiert die Raute vor dem Blazer beispielsweise – je nachdem, wen man fragt – mal vertrauensvolle Langeweile (bürokratische Herrschaft) oder zugeneigte Vertrautheit (charismatische Herrschaft). Andere versteigen sich sogar dazu, in der Raute „Energie in ihrem Körper kreisen“ zu sehen und jetzt wissen wir auch nicht mehr als esoterische Herrschaft.

Vermutlich war diese Geste dann am Ende genau das und stand für ihre ausdauernde Herrschaftsform: inhaltlich völlig beliebig und ein super Gefäß, in dem alle irgendwas für sie relevantes herein füllen konnten und sei es die Energie im Körper einer Atomphysikerin. Für Wladimir entscheiden wir uns für etwas mehr symbolischen Halt, es soll als Insigne seiner verblassten Macht relativ stumpf eine Eisenkugel dienen – gar keine Herrschaft mehr und die Bewegungsfreiheit ist auch passé. Das war einfach!

Große Absätze für kleine Männer

Keine Ahnung herrscht aber leider wieder darüber, wie groß der Wladimir nun eigentlich ist. Ob es stimmt, dass er nur 1,60 Meter misst? Es sind ja viele Interessen vorstellbar, die ihn größer oder kleiner werden lassen wollen. Spätestens seit Napoleon Bonaparte werden schließlich die wildesten Zusammenhänge zwischen Körpergrößen von Männern und ihrem kriegerischen Bestreben konstruiert.

Für uns als erklärte Gegner*innen Putins wären dann aber auch die 1,60 Meter noch zu groß, angesichts des Leids welches er verbeitet. Zum Glück halten wir von derlei Determinismus nicht viel und so reicht uns, dass angesichts der Tischgrößen im Kreml gut vorstellbar ist: Wladimir Wladimirowitsch wäre gern auch körperlich der Größte, ist es aber nicht. Das steht mal fest, da helfen auch die kolportierten hölzernen Extra-Absätze nicht und damit wird unser Wladimir 1,60 Meter groß und Punkt. 

Kontrolle und Gesicht

Die realistische Antwort auf die Frage, welches Gesicht Wladimir Putin als Inhaftierter machen würde, lässt sich vielleicht mit seinem seit ein paar Jahren wieder entdeckten politischen Vorbild Josef Stalin beantworten: versteinert. Auf Stalins selbst verbreiteten Herrscher-Portraits sieht man ihn eigentlich durchgehend mit einem todernsten Gesichtsausdruck, ohne jegliches Indiz, wie und was er gerade denkt. Lediglich von der Fotoreporterin Margarete Bourke-White ist überliefert, Stalin durch ein kurzes Missgeschick 1943 zu einem unkontrollierten Lächeln bewegt zu haben.

Das Foto fand über das Cover des Life-Magazins für Jahre den Weg ins westliche visuelle Gedächtnis, wie der russische Diktator aussieht. Es kann bezweifelt werden, dass es seinem Selbstbild entsprach, letztlich ist es aber auch egal: Er konnte die Verbreitung nicht kontrollieren, es war nicht seine Inszenierung. Aktivist*innen aus dem Baltikum haben Putin als Pappaufsteller bereits fotorealistisch in Häftlingskleidung dargestellt. Auf ihrer Installation hat er beinahe demütig den Kopf gesenkt, wobei die Grenze zur Demütigung verschwimmt. Wir haben uns mit unserer Installation hingegen eher der Satire verpflichtet und uns für einen beinahe albernen Gesichtsausdruck entschieden: Wladimir ist überhaupt nicht begeistert und rollt mit den Augen.

Textil

Jaques Tilly, der für seine mittlerweile elf Putin-Grotesken auf dem Kölner Karneval in Abwesenheit in Russland zu achteinhalb Jahren Knast verurteilt wurde, hat Putin für einen Mottowagen in stilisierter schwarz-weiß quer-gestreifter Häftlingskleidung dargestellt (und ihn sogar auch nach Den Haag gebracht). Gegen diese Kleidung regen sich bei manchen von uns aber Vorbehalte, weil sie bei ihnen eine Assoziation an die Kleidung im Vernichtungslager Auschwitz hervorruft.

Andere wiederum stören sich am alternativen Entwurf, der sich bei der US-amerikanischen Ästhetik der orangenen Overalls bedient. Ihnen kommen Fotos von Häftlingen im  Internierungslager in Guantanamo in den Kopf. Da wir beide Konzepte auch für einen Kriegsverbrecher wie Putin ablehnen und auch keine Überlieferung der Gefangenenkleidung im Kriegsverbrechergefängnis von Den Haag finden (die am Realismus orientierte Option), bauen wir uns eine Phantasie-Uniform: quer gestreift in Orange und Schwarz. 

Gefängnis

Von Jaques Tilly leihen wir uns in Solidarität dann aber doch noch etwas, nämlich den Sinnspruch, der das Roll-up vervollständigen wird: „PUTIN JAIL“, wobei PUT und IN farblich voneinander abgehoben sind. Nun sind Gefängnisse immer auch Orte der Rache und im zeitgenössischen Herrschaftsapparat Russlands finden sich für diese Funktion viele Beispiele. Aber etwas zivileres, als Wladimir ins Gefängnis zu wünschen, ist uns dann auch wieder nicht eingefallen, für „TAKEHIMTO COURT“ hat er leider den falschen Nachnamen.

Am besten fänden wir, wenn die Inhaftierung Putins im Zuge einer Aussöhnung nach dem Ende des Kriegs gegen die Ukraine und anderer Nachbarstaaten in irgendeiner Form Wirklichkeit werden würde, idealerweise in Verbindung mit einer Selbstbefragung der russischen Gesellschaft über ihren Anteil am expansiven Imperialismus. Und so liegt in der Schlichtheit dieses Slogans angesichts der gegenwärtigen Umstände dann doch wieder ein zwar bitterer, aber eben auch utopischer Reiz.

Was bleibt von Putin?

An anderer Stelle wurde bereits Gutes über die offiziellen Programmpunkte von Wladimir Wladimirowitschs Besuch in Den Haag geschrieben. Ein voller Erfolg, genau diese Motive wollten wir haben. Besonders waren aber auch die abseitigen Begegnungen von Menschen und Stadtbild mit unserer Installation: in der Fußgänger*innenzone, im örtlichen Kulturpalast auf der Rolltreppe, mit dem Reinigungswagen, verloren auf der Brücke einer Gracht mit tollem Blumenschmuck, am Strand von Scheveningen, ganz allein auf einer Straßenkreuzung oder beim Warten auf den Bus. Schön ist auch die Szene in der Dusche oder Wladimir beim Blick über die Altstadt.

Uns ging es vor Ort vor allem um die Inszenierung fürs Foto. Mit zunehmender Alltäglichkeit des städtischen Umfelds stieg aber auch die Resonanz von Passant*innen. Uns dämmerte, dass wir mit unserem Wladimir eigentlich auch ein Sozialexperiment gestartet hatten. In Den Haag war das Ergebnis eindeutig: Zuspruch, Respekt, Daumen hoch und Foto. Gleichzeitig wuchs in uns aber auch die Frage: Wie würden wohl die Reaktionen bei der gleichen Versuchsanordnung in Halberstadt oder Wien ausfallen?

Leichtigkeit gegen Tyrannei

So ganz sicher sind wir uns nicht, warum unsere fotografischen Inszenierungen so gut funktioniert und woher sie ihre groteske Komik nimmt. Aber vermutlich entsteht die inhaltliche Dynamik aus einer Spannung, diesen Kriegsverbrecher, Mörder, Kriegstreiber und was-noch-alles einfach auf ein gehöriges Maß Handlungsunfähigkeit zurecht zu schrumpfen, während das Leben und die Freiheit um ihn herum weitergeht. Denn mit dieser Leichtigkeit kann man Tyrannen wie Wladimir Putin vielleicht am besten rächen.

Mehr Infos:

Mit Putin durch Den Haag:
https://vernetzungpartizipation.org/mit-putin-durch-den-haag/

Was wir in Den Haag erlebten:
https://vernetzungpartizipation.org/was-wir-in-den-haag-abseits-des-programms-erlebten/

Unsere Fragen an die EU in Den Haag:
https://vernetzungpartizipation.org/unsere-fragen-an-die-eu-in-den-haag/

Hinweis:
Die Veranstaltung wird von der Europäischen Union im Rahmen von Erasmus + als Jugendpartizipationsprojekt gefördert.

Das Projekt wird finanziert von der Europäischen Union. Der Inhalt gibt ausschließlich die Meinung der Autor:innen wieder. Die EU-Kommission und Jugend für Europa haften nicht für Folgen aus der Wiederverwendung.