
Wir sind in Den Haag, Niederlande. Dank unseres Jugendpartizipationsprojekt „Wir und die EU“. Außer den EU-Behörden Europol und Eurojust besuchen wir das Widerstandsmuseum „Oranjehotel“. Diese nationale Gedenkstätte war während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg ein Folter-Polizeigefängnis für Juden, Widerstandskämpfer*innen und Kleinkriminelle. Die Berichte der eingesperrten Menschen über Folter und Abschiedsbriefe von zum Tode Verurteilten sind keine leichte Kost. Die Darstellung davon, was Besatzung für den Alltag der Menschen bedeutet, war sehr lehrreich.

Beeindruckend
Am beeindruckendsten, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne, war für mich der Besuch des Nationalen Monuments, im niederländischen Volksmund auch „Oranjehotel“ genannt. Hierbei handelt es sich um das Scheveninger Gefängnis, das Ende des 19. Jahrhunderts erbaut und in Betrieb genommen wurde. Während der deutschen Besatzung von 1940 – 1945 diente es als Polizei-Gefängnis für Menschen. die jüdischer Herkunft, im Widerstand aktiv, Zeugen Jehovas, anderer politischer Gesinnung oder schlicht Kleinkriminelle waren. Der Gefängnisaufenthalt war für viele der insgesamt ca. 30.000 Gefangenen erst der Beginn einer längeren Gefangenschaft in anderen Gefängnissen, Konzentrations- oder deutschen Zwangsarbeitslagern. Für 734 Menschen endete er mit dem Tod. Weitere 250 starben durch Erschießen in den gegenüberliegenden Dünen.

Das große Tor war damals der einzige Weg ins Gefängnis. Das kleine Tor führte die zum Tode verurteilten Häftlinge in die Dünen, wo sie erschossen wurden. In diesen Dünen werden bis heute menschliche Knochen gefunden!

Wer saß in Schevedingen?
In Haft befanden sich Menschen, die jüdischer Herkunft, im Widerstand aktiv, Zeugen Jehovas, anderer politischer Gesinnung oder schlicht Kleinkriminelle waren. Kleinkrimnalität meint hier z. B. das Verstoßen gegen Verordnungen der Besatzung wie z. B. einer nächtlichen Ausgangssperre. Oder der Verstoß gegen den Befehl, sich zum Arbeitsdienst zu meldet. Oder Schleichhandel. Ab Mitte 1944 verursachten die Deutschen eine Hungersnot. Der Verstoß gegen die Lebensmittelm, Monopolauflagen war für viele Menschen überlebensnotwendig.

Was bedeutet Oranje?
Der Spitzname „Oranjehotel“ spielt auf den Familiennamen des niederländischen Königshaus, das Haus Oranje, an. Er dient als Ehrerbietung gegenüber den Widerstandskämpfer*innen. Er hebt diese quasi auf ein royales Niveau. Königin Wilhelmina (1880-1962) lehnte Kapitulation und Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzer*innen ab, war 1940 nach London geflohen und rief via Radio ihre Untertanen zum Widerstand auf. Die Besatzungsmacht verbot daraufhin alle royalen Symbole. Die Farbe Orange, die Vornamen der Frauen der Königinnenfamilie und ihre Geburtstage, ihre Konterfeis auf Münzen und ähnlich alltägliche Dinge wurden so zu Symbolen des Widerstandes.

Plakataktion
Die Rolle des Polizeigefängnisses Schevedingen war bereits Anfang 1941 in den Niederlanden allgemein bekannt. Das zeigt die allgemeine Verbreitung des Verses:
In deze bajes /
zit geen gajes /
maar Hollands glorie /
potverdorie!“
Auf Deutsch heißt das etwa: „In diesem Knast gibts kein Gesindel; nur den gottverdammten Stolz Hollands!“ Am 10. Mai 1941, dem ersten Jahrestag der Besatzung, trauten sich angeblich sogar zwei Männer, den Fers mittels eines Posters am Tor des Knastes anzubringen.

Die Baracken wurden bis 2009 als Gefängnis genutzt. Heute fungiert ein Teil des Gebäudes als Museum, um an die Schrecken der deutschen Besatzung zu erinnern, während ein anderer Teil weiterhin vom niederländischen Staat als Gefängnis mit integriertem Krankenhaus genutzt wird. Mitten im Gefängniskomplex und von Außen nicht zugänglich betreibt die UNO außerdem das Untersuchungsgefängnis für den Internationalen Strafsgerichtshof (ICC).

Die Zellen
Sowohl am Anfang als auch am Ende der Tour konnten wir uns die ehemaligen Zellen ansehen. Eine war sogar völlig „konserviert“. In einem Einleitungsfilm wurden die Geschichten und erschreckenden Erfahrungen von fünf ehemaligen Insassen erzählt. In den 1,60 m x 3,60 m Zellen hockten bis zu fünf fremde Menschen tage-, wochen- und manchmal auch monatelang aufeinander. Die Zellen waren für eine Person ausgelegt. So gab es genau ein Bett, auf dem tagsüber nicht gesessen werden durfte. Das wurde zufällig durch eine Art Spion in der Tür kontrolliert und bei Verstoß mit einer Woche Wasser und Brot geahndet.

Langeweile
Quälende Langeweile prägte den Alltag der Gefangegen. Die einzige Beschäftigung war es auf das wenige Essen zu warten, sich mit den vier Mitgefangegen über die die immer gleichen Dinge zu unterhalten, mit den Gefangenen aus anderen Zellen per Klopfzeichen die seltenen von Neuankömmlingen berichteten Neuigkeiten auszutauschen und von den Deutschen in Verhören psychisch und physisch misshandelt zu werden.
Je länger, desto schlechter
Nach dieser Einstimmung haben wir uns den geschichtlichen Verlauf der Besetzung angesehen und dabei immer mehr per Audioguide über die Zustände aus der Sicht von ehemaligen Insassen erfahren. Bezeichnend war, dass während des Krieges nach und nach die niederländischen „Mitarbeiter*innen“ durch Deutsche ersetzt wurden, was die Zustände für die Insassen drastisch verschlechterte.

Abschiedsbriefe
Schwer auszuhalten waren die detaillierten Berichte über Folter- und Verhörmethoden, so wie die Abschiedsbriefe von zwei Insassen der Todeszellen an ihre Familien. Die Briefe wurden von Männern um die dreißig geschrieben und waren an ihre jeweilige Partnerin gerichtet. Die Verfasser bedankten sich für die gemeinsame Zeit, einer auch für das gemeinsame zweijährige Kind. Sie versuchten trotz aller Trauer und eigener Resignation ihren Partnerinnen Mut zu machen, baten sie weiter zu machen und sich einen neuen Partner zu suchen. Den Verlust eines geliebten Menschen kennen viele. Die alleinige Vorstellung wie es sein muss, wenn einem ein solcher Mensch gewaltsam entrissen wird und seine Abschiedsworte zu lesen ist schwer auszuhalten. Die Gewissheit, in wenigen Tagen sterben zu müssen, obwohl man mitten im Leben steht, eine Familie und entsprechend viel vor hat, kann ich mir gar nicht erst vorstellen.

Gegen die Langeweile kämpfen
Leichtere Kost waren die vielen kreativen Methoden, wie sich die Gefangenen beschäftigt hatten. Von selbstgemachten Spielkarten, über Gedichte und Lieder, bis hin zu kunstvollen Stickereien war alles dabei. Sogar eine kleine illegale Zeitung auf Klopapier, um die Neuigkeiten auszutauschen, die neue Häftlinge brachten.

Briefe schmuggeln
Unzensierte Briefe wurden über die Dreckwäsche zur Familie geschmuggelt. Oder über einen anderen Häftling, der Zeichner war. Dieser hatte die Hackfressen der Naziwärter porträtiert und da diese so eitel waren, haben sie ihm erlaubt seine Zellentür offen zu lassen und öfter Besuch zu empfangen. Dadurch konnten andere Häftlinge ihre Briefe in seine Zelle werfen, die seine Frau dann den Familien brachte.

Nach 1945
Zum Ende der Ausstellung hin kamen dann Berichte darüber, wie das Gefängnis wenige Tage nach der Befreiung durch die Alliierten zurück an die Niederlande übergeben wurde und die politischen Gefangenen entlassen wurden. Der Widerstand füllte das Gefängnis nach der Befreiung fleißig mit deutschen Nazis und niederländischen Kollaborateuren, bevor diesen der Prozess gemacht wurde. Über die Verfolgung und Verurteilung besagter Nazis konnten wir uns leider nicht ganz so umfassend in der angrenzenden Sonderausstellung informieren, da die Mitarbeiter*innen nach Hause wollten. Für die Kinderausstellung blieb leider gar keine Zeit.
Informativ und erschreckend
Auch wenn dieser Besuch alles andere als eine Feel-good-Veranstaltung war, bin ich sehr froh dabei gewesen zu sein. In der Schule ging es hauptsächlich darum, welche Schreckenstaten die Nazis in Deutschland begangen haben. Zu sehen, wie es in anderen Ländern zu ging, zeigt eine ganz andere Dimension des Grauens durch das Naziregime auf. Sehr informativ, sehr erschreckend, sehr zu empfehlen.
Mehr Infos:
Das niederländische Königshaus als Symbol im Widerstand
https://vernetzungpartizipation.org/das-niederlaendische-koenigshaus-als-symbol-im-widerstand/
Hinweis:
Die Veranstaltung wird von der Europäischen Union im Rahmen von Erasmus + als Jugendpartizipationsprojekt gefördert.

Das Projekt wird finanziert von der Europäischen Union. Der Inhalt gibt ausschließlich die Meinung der Autor:innen wieder. Die EU-Kommission und Jugend für Europa haften nicht für Folgen aus der Wiederverwendung.