Was bedeuten die pseudoreligiösen Deko-Elemente des Friedenspalastes?

Eines der bekanntesten Gebäude in den Haag ist der Friedenspalast. Das 1907-13 errichtete Gebäude war für den Internationalen Schiedsgerichtshof bestimmt. Heute betreibt es die UNO. Es ist Sitz des Internationalen Gerichtshofs, des Ständigen Schiedshofes und der Haager Akademie für Völkerrecht. In diesem Text beschreibt eine der Teilnehmer*innen unserer Reise nach Den Haag ihren Eindruck vom Gebäude und die Wirkung der sakralen Gestaltungselemente.

Der Weltfrieden in typisch christlicher Engelsgestalt auf einer Postkarte

Religiöse Bezüge
Es fällt sofort auf. Schon wenn man den Palast von weiten sieht: Sakralbau mit Neorenaissance- Türmen und großen Fenstern aus bunten Glas. Ich dachte zuerst „der Bau wurde bestimmt umgewidmet“. Aber der Friedenspalast in mitten von Den Haag mit seinen weiten Parks ist 1907 – 1913 genauso zu dem Zweck gebaut worden: Internationale Treffen zum Beilegen von Konflikten abzuhalten. Warum diese offensichtlichen religiösen Bezüge?

Nachbildung eines der Fenster des Sitzungssaals im Friedenspalasts

Gött*innen wohin man schaut
Neben den genannten Glasfenstern gibt es Teppiche, Ölgemälde, Statuen und Denkmäler mit religiösen Themen. Man sieht Gött*innen über dem Plenarsaal des Internationalen Gerichtshof und im ersten Stock soll sogar eine Jesus-Figur sein, die aus Kanonen gegossen wurde, die in einem Krieg nicht verschossen wurden, den der Ständige Schiedgerichtshof verhindert hat. In meinem Kopf entstehen folgende Thesen:

Gedenk-Teller zur Eröffnung des Friedenspalastes mit Frieden in pseudo-antiker Gött*innengestestalt

1. Waren antike Gött*innen 1907 modern?
Wir fanden bei unseren Besuch römische, griechische und ägyptische. Vielleicht wurden sie nicht als auffällig „religiös“ wahrgenommen. Die Aufklärung bedient sich dieser Mythen wie zum Beispiel der Liberta, der vergeschlechtlichten Personalisierungen der Nation oder zur Personifizierung von Werten wie der Justizia. Diese liberalistischen Substitutionen sind hier in Den Haag eben etwas ausgeprägter.

2. Transzendenz und Evolution?
Mit der Aufladung soll eine Transzendenz erreicht werden, die gar nicht mystisch intendiert ist, sondern die Evolution symbolisieren soll, besser die Theleologie der Menschheit; der Vollendung der Geschichte durch das Ende aller Kriege. Dabei wird die Sphäre der Politik geschickt verlassen und Assoziationen mit konkreten Kämpfen vermieden, wie mit sozialistischen oder konservativen Deutungen.

3. Protzen und Beeindrucken?
Man muss irgendwie beeindrucken und das Geld des Spenders, des Industrie-Tycoons sichtbar ausgegeben werden. Man konnte dieses Gerichtsgebäude nicht als ein weiteres, modern-„weltliches“ Regierungsgebäude bauen. Was wäre die Alternative gewesen? Hier sollte etwas großartiges Geschehen, wozu man sozusagen alle guten Geister rufen musste:

4. Ablenkung und Ehrfurcht?
Die Delegierten der streitenden Nationen müssen davon abgelenkt werden, lediglich den Interessen ihrer Herrschenden gegenüber verantwortlich zu sein. Die aufdringlich schönen Gött*innen sollen eventuell an ihr Gewissen appellieren.

5. Mut und Pathos?
Mit der Anlehnung an die Gött*innen, Halbgött*innen und menschlichen Held*innen soll der sagenhafte Mut beschworen werden, den solche großen Projekte wie der Weltfrieden verlangen. 1907 standen die schlimmsten Kriege zwar noch bevor; ein gewisser Pathos klang bei der Aufgabe des frühen Völkerbundes jedoch von Anfang an mit.

6. Spinnerei und Schwurbel?
Vielleicht liege ich komplett falsch oder es ist eine Mischung. Auf jeden Fall ist es auffällig und verdächtig esoterisch, anthroposophisch und vielleicht sogar schwurbeloffen? Die UN war noch eine Träumerei von Spinner*innen im vorletzten Jahrhundert und heute verliert sie rasant an Einfluss. Abkommen werden nicht verlängert, Länder steigen aus, Mandate sind schwach. Wenn es sonst wenig Substanz gibt, worauf man seine Autorität stützen kann, dann müssen eben die Gött*innen herhalten. Ein Trick so alt wie das Patriarchat. Es wäre doch wesentlich einleuchtender und einfacher sich statt der brutalen Antike direkt auf die Zeit vor der letzten Eiszeit zu berufen, also die ca. 3 Millionen Jahre Matriarchat, in denen die Menschheit ohne Kriege auskam. Heute erscheint es einfach eurozentrisch, wenn jüdische, muslimische, buddhistische, indigene usw. Mythenbilder fehlen beim symbolischen Ringen um Universalismus und höhere Mächte.

7. Die Lösung
Die Beschriftungen der Werke geben Auskunft: „Die Göttin des Krieges stirbt in den Armen der Göttin des Wohlstands“. Wenn unser Wohlstand aber auf Kriegen und Kanonenboot-Politik beruht ist es doch eher umgekehrt. Der Pantheismus der Antike bietet allerdings gegenüber dem Monotheismus und Spiritismus die entscheidende Möglichkeit gesellschaftliche Kräfte und entgegengesetzte Interessen darzustellen ohne jemanden auf den Fuß zu treten.

von PetrusSilesius, wikipedia

Mehr Infos:

Friede und Recht? Auf den Spuren der Alten Friedensbewegung:
https://vernetzungpartizipation.org/friede-und-recht-auf-den-spuren-der-alten-friedensbewegung/

Hinweis:
Die Veranstaltung wird von der Europäischen Union im Rahmen von Erasmus + als Jugendpartizipationsprojekt gefördert.

Das Projekt wird finanziert von der Europäischen Union. Der Inhalt gibt ausschließlich die Meinung der Autor:innen wieder. Die EU-Kommission und Jugend für Europa haften nicht für Folgen aus der Wiederverwendung.